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  • tamarautinu

Göreme wird verkauft



Um vier in der Früh werde ich von einem ankommenden Fahrzeug geweckt. Aus einem Mercedes Sprinter steigen zwei junge Männer und beginnen unverzüglich damit, Kulissen aus dem Bus zu laden und an den Rand des Plateaus zu stellen. Wofür? Eine halbe Stunde später wecken sie mich erneut. Sie starten 4m neben unserem Auto einen Generator. Zum Glück nur ganz kurz. Ein Blick reicht um zu erahnen, was sich hier abspielt: die Jungs haben für ein Sonnenaufgang-Fotoshooting der besonderen Art vorbereitet. «Marry me» steht in metergrossen Buchstaben da. Auf jedem Buchstaben sind viele Glühlampen angebracht. Der Generator versorgt diese mit Strom.



Um fünf geht der Wecker. Göreme steht früh auf. Ich bin bei weitem nicht der erste. Doch die Ruhe ist zu ruhig. Ich suche nach Anzeichen, dass Heissluftballone zum Start vorbereitet werden. Mit dem Fernglas erkenne ich sehr weit weg eine blaue «Kugel». Könnte ein Ballon sein. Ich wecke meine Familie – ausser Meo, der ist trotzt vieler Versuche nicht wach zu kriegen. Auf jedem Hügel stehen Autos, Busse und Menschen. Hunderte schaulustige erwarten das grosse Ballonspektakel. Kurz vor Sonnenaufgang sind die Jungs von neben an im Stress. Der Generator will nicht mehr anspringen. Zudem bläst eine steife Biese ihre Kulissen immer wieder um. Im Hintergrund sehe ich einen alten, roten Chevrolet näherkommen. Im letzten Moment springt die Geneatorkiste an und die Buchstaben leuchten um die Wette. Eine überraschte junge Frau lässt sich von ihrem Freund aus dem Chevrolet vor die Buchstaben begleiten. Er geht auf die Knie und macht ihr einen Heiratsantrag. Die jungen Männer haben Videokamera, Fotoapparat und Drohne bereit um keine Sekunde zu verpassen. Im Hintergrund geht die Sonne auf – der Wind zerzaust die Dekoration. Nach dem ersten Versuch erteilt der «Regisseur» Anleitungen, wie sich das Paar in Szene setzten soll um die Szene noch besser in den Kasten zu kriegen. Bald einmal wird uns klar, dass an diesem Morgen keine Ballone fliegen werden. Der Wind bläst zu stark. Macht nichts, wir bleiben sicher noch eine weitere Nacht in der Region. Unterdessen ist auch ein zweites Paar angekommen, welches sich an der anderen Fotokulisse ans «I-Love-You-Fotoshooting» macht. Die Jungs haben’s streng.

Ben und Jon haben abseits des herzerwärmenden Ereignisses geschaufelt. Schon am Vorabend haben sie mit Meo begonnen ihr eigenes Göreme-Felsenhaus zu schaffen. Der weiche Boden gräbt sich äusserst einfach, schon bald einmal könne die beiden ins Haus hineinsteigen. Tamara geht zurück ins Bett und holt verpassten Schlaf nach. Eine Schar Offroadtrucks in allen Farben rast an uns vorbei. Auf dem Nachbarhügel ein weiteres Fotoshooting. In der Ferne eine 4-Wheeler-kolonne.

Dank des frühen Tagesstartes fahren wir vor acht Uhr ins «Love-Valley». Wir amüsieren uns ab den handgemalten Strassenschildern: Love Vale oder Lave Vali. Wie erhofft sind wir alleine. Sobald man selber gehen muss kann man den Massentourismus hinter sich lassen. Das gehen lässt sich schlecht verkaufen. Umso schöner ist die Landschaft. 5-20 m hohe Felstürme in allen Formen ragen aus dem Talboden. Vulkanausbrüche sollen vor vielen 1000 Jahren Asche ausgespuckt haben, welche für weichere und härtere Schichten sorgten. Regen und Wind half bei der Verformung. Das Besteigen der Formationen ist fast unmöglich, weil der sandige Boden bei jedem Schritt bröckelt unter dem Fuss. Meo und Jon entdecken (wieder einmal) ein neues Spiel. Fläderli- Flügerli! Inspiriert vom soeben stattfindenden X-Alps nehmen sie Samen mit einem Schirmchen, werfen dieses in die Luft und schauen, ob Chrigel Maurer oder Maxime Pinot weiter fliegen kann. Das Spiel wird sich später auf der Reise entwickeln, die Samenschirmchen werden mit Flaumfedern ersetzt.

Wir verlassen das Liebestal und fahren in das nahe gelegene Cavusin. Dort steht ein grosser Felsen, welcher jedem Emmentaler Käse Konkurrenz macht. Mehr Loch als Stein. Das besonders schöne daran ist, dass die Höhlen miteinander verbunden sind. Ein kleiner Gang führt in eine Art Kirche, von dort muss man hoch klettern in das obere Geschoss usw. Meine Nerven sind arg strapaziert, da man überall runterfallen kann. Die Jungs lieben das klettern und bewegen sich sehr sicher, rechnen aber das Unerwartete nicht mit ein. Ich kann kaum zuschauen, ihnen den Spass zu verderben fällt mir aber auch schwer… Wie viel Freiheit gibt man seinen Kindern? Kann auch Meo die Gefahren realistisch einschätzen oder jagt er blind den Brüdern nach? Ich bin nicht unglücklich, als wir den Käsefelsen verlassen. Wir wagen eine Fahrt ins Zentrum von Göreme, parken am Strassenrand und suchen das Restaurant, welches im Lonely Planet empfohlen wird. Schön ist es… doch der Schattenplatz ist besetzt, also setzten wir uns ins Felsenhaus. Viele überklebte Preise in der Speisekarte signalisieren die markant steigenden Preise. Das Essen kostet ca. 5x mehr als vor zwei Jahren. Die Inflation macht den Türken arg zu schaffen. Für einen Kaffee wagen wir uns in ein Restaurant an bester Lage. Nicht für lange. 120 Lire wollen die für einen Cappuccino. 5 sFr! Die spinnen. Zurück beim Parkplatz versucht mir ein junger Mann zu erklären, dass ich für diesen bezahlen muss. Ich sehe aber nirgendswo ein Schild und weigere mich zu zahlen. Dann zeigt er mir eines am Boden. Ich steige ein, Tamara fährt davon. Aus allem wird Geld gemacht. Doch wir zahlen nicht, wenn wir vorher nicht informiert werden, dass das erwartet wird.



Um einen optimalen Schlafplatz zu ergattern machen wir uns bald auf den Weg zum Schlafplatz mit Sicht auf das Tal der Liebe. Am folgenden Morgen um fünf scheint alles perfekt für den Ballonstart. Doch nichts regt sich. Weshalb ist uns nicht klar. Die Sonne scheint, der Wind ist schwach. Wieder keine Ballone. Beim Wegfahren merken wir, dass der Tankstand, welcher am Vortag noch 50 km anzeigte, über Nacht auf 0 sank! Zum Glück sind wir oben auf dem Hügel und können uns nach unten rollen lassen. Die nächste Tankstelle steht im Nachbardorf. Mit steigender Nervosität verlassen wir Göreme. Leider verpassen wir eine unscheinbare Abzweigung und landen in einer Sackgasse. Sch….! Der richtige Weg steigt stark an. Ui, ui, ui. Hopp VW. Von weitem erkennen wir das Werbebanner für die Opet-Tankstelle. Bei der nahegelegenen Kreuzung können wir aber nur nach rechts abbiegen, da die Doppelspurige Strasse einen Graben zwischen den Fahrbahnen hat. Jeder Meter scheint uns einer zu viel. Endlich können wir einen U-Turn machen. Geschafft!



Heute besuchen wir eine der unterirdischen Städte. Vor langer Zeit haben in diesem Gebiet Christen riesige unterirdische Siedlungen gegraben. Die grössten sollen Platz für 30'000 Menschen geboten haben. Inklusiv Belüftungssystem, Zisternen und Kapellen. Der tiefste Raum befindet sich 54 m unter der Erdoberfläche. Krass. Eine dicke Türkin kriegt kaum mehr Luft, als sie die Treppen wieder hochsteigen muss. Die Undergroundcitys dienten als Versteck, da diese Gegend häufig von Räubern geplündert wurde. Obwohl nur 10 % der Stadt für Besucher zugänglich sind, sind wir lange unter Tags. Auf dem Rückweg nach Nevsehir regnet es wie schon lange nicht mehr. Wir verziehen uns in unsere Lieblingsmal, essen Dürüm, spielen, trinken Kaffee. So wird es Abend und wir beschliessen, den Ballonen noch eine Chance zu geben. Mit wenig Hoffnung, da der Wetterbericht für die folgenden Tage schlecht bleibt. Die Jungs wünschen, noch einmal an ihrer Höhle weitergraben zu können. Uns ist nicht ganz wohl dabei, da der Regen kaum zur Stabilität des Loches beitragen wird. Sie machen es trotzdem. Und natürlich kracht der Bau zusammen. Zum Glück sind die Bauarbeiter gerade ausserhalb ihres Loches.

Ein weiteres Mal läutet mein Wecker um 4.50 Uhr. Geräusche von draussen. Wieder ein Kompressor? Der Blick nach draussen lässt mich im Bett aufspringen. Wo das Auge hinsieht, halbaufgeblasene Heissluftballone. Ich springe aus dem Bett. Auch anderen sind sofort wach. Die Wolken im Hintergrund verheissen Regen. Offensichtlich kein Problem. Gegen halb sechs sind die Ballone immer noch nicht voll. Die lauten Geräusche sind aber verstummt. Was ist bloss los? Einige scheinen sogar kleiner zu werden. Um sechs begreifen wir, dass wir die Ballone nie werden fliegen sehen. Die Touristen steigen zurück in ihre Busse, die Ballone werden so schnell sie gekommen sind wieder zusammengefaltet und abtransportiert. Um 06.30 Uhr ist der Spuck vorbei, die Eben leer und ein leichter Nieselregen setzt ein. Im Jahr steigen die Ballone 200 Mal. Wir haben mitten in der Hauptsaison drei der anderen erlebt. So verlassen wir mit gemischten Gefühlen das wunderschöne Kapadokien Richtung Norden. An die vielversprechende Schwarzmeerküste.

Tinu

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