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  • tamarautinu

Höhe und Tiefen

Am nächsten Morgen standen wir mit dem Sonnenaufgang auf und gingen das letzte Stücknach oben auf den Gipfel. Die Stimmung, das Licht, die Aussicht- ein wunderschöner Tagesstart. Nach dem Frühstück mit schöner Aussicht fuhren wir das kurze Stück hinunter an den Strand, der berühmt geworden war, weil hier eine grosse Hotelanlage gebaut werden sollte, obwohl es ein wichtiger Brutplatz der Wasserschildkröten war. Die Proteste dagegen machten damals international Schlagzeilen und heute steht hinter dem Strand eine Wasserschildkrötenstation.


Wir fuhren also auf den grossen Parkplatz, zahlten Eintritt und gingen dann den noch grösseren Strand entlang, vorbei an einem Restaurant und vielen Strandliegen. Eine einzige Infotafel, keine Schildkrötenprofis, die uns was darüber erzählten, wie viele Nester gerade da waren, wann die Schildkröten an Land kommen etc. Wir gingen also recht enttäuscht den Strand entlang, auf dem uns dann zwei Personen entgegenkamen, die solche Mitarbeiter hätten sein können. Auf Tinus Frage, ob man hier Wasserschildkröten sehen könne, meinte der eine, nein, höchstens hinten im Infocenter, beim Schnorcheln sicher nicht. Also suchten wir noch das Infocenter, unseren letzten Strohhalm, danach wollten wir weiter, wenn man hier so wenig erfuhr. Doch dort, etwas hinten versteckt, landeten wir dann den Jackpot. Wir lasen die Infotafeln durch, die dort standen, besahen das ausgestellte Skelett, als und ein Mann mit eindeutig englischem Akzent begrüsste und fragte, ob er uns herumführen solle. Sie hätten offiziell noch nicht geöffnet, aber er breche eben noch gerne Regeln, und er sei hier der einzige, der Englisch spreche. Und dieser Brite, der hier eigentlich auch nur auf der Durchreise war, nahm sich dann richtig viel Zeit für uns, zeigte uns die Schildkröten in ihren Becken, erklärte uns bei jeder, warum sie hier war, wie sie verletzt worden war (Harpune, Schiffsschraube, Plastik gefressen…), wie es ihnen gehe, wie man Männchen und Weibchen unterscheidet etc. Leider dürfe er uns wirklich nicht am Abend auf den Strand mitnehmen, wo die Schildkröten zur Zeit ihre Eier ablegten, aber wir könnten es am nächsten Strand versuchen, der sei nicht geschützt, und er würde uns empfehlen, hier an diesem Strand weit nach hinten zu gehen und dort zu schnorcheln, dort könnten wir vielleicht Wasserschildkröten sehen. Diesen Tipp setzten wir gerne um und tatsächlich entdeckte Tinu schon nach kurzer Zeit ein prachtvolles Exemplar. Es gelang ihm, Jon darauf aufmerksam zu machen, Ben merkte es leider nicht, und als Jon ihn erreicht hatte, schwamm er zurück an Land, um mir die Tauchermaske zu übergeben mit der Anweisung, mich zu beeilen, Jon bleibe bei der Wasserschildkröte. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass das sehr schwierig war, denn der Wind trieb ziemlich Wellen gegen mich und Jon war mittlerweilen schon ein ganzes Stück weit draussen. Durch den Schnorchel bekam ich zu wenig Luft, um richtig schnell zu schwimmen, und so dauerte es eine ganze Weile, bis ich Jon endlich erreicht hatte. Wie eindrücklich, wie das grosse Tier da in einer Seelenruhe umher glitt. Voller Ruhe und Erhabenheit. Jon wollte nun gerne zurück, da ihm kalt wurde, ich sah aber, dass jemand auf uns zu schwamm, Ben vielleicht? Ich dachte, wir blieben am besten noch bei der Schildkröte, bis er da war, da man sie enorm schnell aus den Augen verlor, doch Jon kehrte um, ohne mich darüber zu informieren. Als ich gerade wieder den Kopf aus dem Wasser hob, um zu sehen, ob Ben bzw. Tinu mich fand, tauchte auch die Schildkröte nur wenige Meter vor mir auf, um Luft zu holen. Ein unglaubliches Bild! Endlich erreichte mich Tinu (nicht Ben) und teilte mir mit, Jon sei zurückgeschwommen, er habe sich noch kräftig genug gefühlt dazu. Wir schwammen noch kurz mit der Schildkröte mit, kehrten dann aber bald um, da wir nun doch schon recht weit draussen waren. Zurück am Strand erzählte uns Jon dann auch, er habe am Schluss recht gekämpft, vor allem weil er die Tauchermaske abgenommen hatte und vor sich her schob. Wir waren dankbar, für dieses Erlebnis und dafür, dass es Jon gut zurück geschafft hatte. Danach gingen wir den langen Weg den Strand entlang wieder zurück und fuhren wieder den kleinen Berg hinauf, um in die anderen Bucht zu gelangen, wo wir abends am Strand auf die Schildkröten warten wollten. Auf dem Weg lag das «Restaurant», das uns Deutsche empfohlen hatten. Wir fuhren dort also hin (es waren eher einige Tische und Stühle auf einer privaten Terrasse), aber das Essen war leider weniger gut als beschrieben und deutlich teurer als erwartet. Schademarmelade! Danach gings die holprige Strasse hinunter in die nächste Enttäuschung: die vom Restaurant in dieser wirklich hübschen Bucht sagten uns, wir dürften hier nicht übernachten und es kämen hier auch keine Schildkröten an Land – was wir schon vermutet hatten, als wir den Kiesstrand sahen. So ein Mist, wir hatten uns auf die Angaben des Engländers verlassen. Vielleicht hatten wir ihn falsch verstanden? Jedenfalls war der Frust recht gross und die Uhr zeigte schon 17 Uhr, also keine Zeit, in der hübschen Bucht zu liegen, wenn wir nicht wussten, wo schlafen. Wir beschlossen, noch bis Gorca zu fahren, da dort die Autogarage war, die uns Erdogan empfohlen hatte (Als er neben unserem Auto stand, um uns zuzuwinken, machte er uns auf ein Geräusch des Motors audfmerksam und gab uns mittels Google Translate diese Garage an). Nach einigem Suchen zwischen den dutzenden, aneinander gereihten Werkstätten, die meisten davon seehr rudimentär, und nach dem uns zwei Türken was von PTT und zwei (Strassen?) gesagt hatten, fanden wir endlich die richtige. Auch dort sprach niemand Englisch und der Chef war deutlich nicht so motiviert, uns per Google Translate weiterzuhelfen. Und natürlich machte auch der Motor in diesem Moment das entsprechende Geräusch nicht, das kennen wir schon von unserem Auto, macht er zu Hause auch so. Schliesslich war er bereit, Erdogan anzurufen (Ben staunte derweil über die einfache Ausstattung der Werkstätten hier, das war dann bei Pierens ganz anders. Um unter das Auto zu kommen, mussten sie in einem Loch eine kleine Treppe hinunter, um dann in einem anderen Loch, unter dem Auto, wieder aufzutauchen) und teilte uns dann mit, wir sollten weiterfahren. Das taten wir. Etwas ratlos. Eigentlich wollten wir nun hier einen Platz im Nirgendwo suchen, doch Tinu war so frustriert, dass er gleich bis zur verlassenen Stadt Kayaköy durchfahren wollte – dort, hatten uns deutsche Pensionäre erzählt, könne man auf einem verlassenen Fussballplatz übernachten. Es war schon fast dunkel, als wir dort ankamen, aber das Licht reichte noch, um zu sehen, dass der Platz leider gar nichts kultiges an sich hatte, sondern eher eine Müllhalde und ein Abstellplatz war. Und riechen konnte man ihn auch ohne Licht. Schnell einen Bohnensalat mit Tomatenpüree türkenstyle zusammenmischen und dann schnell ins Bett, denn nun griffen auch die Mücken noch an. Da half nur noch Galgenhumor.



Am nächsten Tag brannte die Sonne schon vor 8 Uhr vom Himmel als gebe es kein Morgen. Wir packten bald zusammen und verliessen diesen charmbefreiten Ort, um die verlassene Stadt zu erkunden. Hier hatten griechische Christen gewohnt, die im Zuge des Völkeraustauschs (den ich noch nicht begriffen habe, muss ich mal noch nachlesen), geschlossen nach Griechland umgesiedelt wurden. Weil im Gegenzug nicht so viele Muslims in die Türkei kamen, blieb dieses Dorf leer. Unglaublich. An die 4000 Steinhäuser, alle verlassen, alle ohne Dach, alles überwachsen. Und mittendrin eine der schönsten Kirchen, die ich je gesehen habe, so dermassen schlicht und elegant zugleich, so würdevoll. Sehr eindrücklich. Nun sollte es zur Schmetterlingsbucht weitergehen. Da die nur zu Fuss erreichbar war, erhofften wir uns etwas Abgeschiedenheit. Doch schon von oben an der Strasse erahnte man, dass dem wohl nicht mehr so war, vermutlich dank der vielen Ausflugsboote. Wir fuhren also weiter bis Kabak, schlängelten uns dort ein prekäres Strässchen hinunter, an kleinen Hippiehostels vorbei zur nächsten Bucht. Ich kochte auf dem «Parkplatz» (sagen wir, ich kochte auf dem okkerfarbenen Boden, zwischen Bauabfall und Alltagsabfall und ein paar Pinien), während Tinu herauszufinden versuchte, ob wir hier irgendwo übernachten könnten. Chancenlos. Die Strasse, die weiterführte, war zu steil, und rings um uns wurde so fleissig gebaut, dass wir nicht hier mittendrin übernachten wollten. Die Bucht war aber sehr schön und wir genossen einen Strandnachmittag. Irgendwann waren die Jungs weiter draussen auf einem Felsen und ich beschloss, zu ihnen hinauszuschwimmen. Wenig später kam Tinu dazu, und von diesem Felsen aus konnte man sehen, dass einige zum nächsten Felsen weiter hinten schwammen, wo eine Höhle sein sollte? Wir beschlossen, auch hinzuschwimmen, und die beiden jungen Türken, die noch dort waren, machten uns freundlich Platz. Bald war klar, dass man aus der Höhle unten durch wieder hinaus ins Meer tauchen konnte. Tinu und Ben machten das ein paar Mal, dann getrauten auch Jon und ich uns, wobei ich dummerweise mit der Fusssohle an einen der scharfkantigen Felsen stiess. Wir unterhielten uns noch ein wenig mit den lustigen Türken, die so beeindruckt waren wie unsere Jungs schwammen uns kletterten, und schwammen dann wieder zurück zum Strand. Die Hippies neben uns spielten Frisbee und wir gingen bald zurück, wo Ben und Jon vorne zu mir auf den Beifahrersitz kletterten, um unserem Motor mit ihrem Gewicht dabei zu helfen, die steile, zT. unbefestigte Strasse wieder hochzukommen, ohne durchzudrehen. Obwohl wir einmal anhalten mussten, weil der Weg versperrt war, schafften wir es bis hinauf auf einen einfachen Kiesplatz, den wir uns schon beim Hinunterfahren gemerkt hatten für den Notfall. Der Notfall war dann richtig schön, weil er eine super Aussicht über die Bucht bot – dafür einen mageren Muezzin. Auch das ein Thema, über das ich gerne mehr wüsste. Wie wird man Muezzin? Warum singen nicht alle dieselbe Melodie? Improvisieren sie? Warum ist es nicht immer derselbe Text? Oder gibt es einen Text für den Morgen, den Mittag, den Abend, die Nacht? Jedenfalls fallen uns hie und da Muezzins auf, die besser singen als die meisten. Dieser hier gehörte nicht dazu. Dafür besang der Sternenhimmel die Schöpfung ohne Worte.



Am nächsten Morgen müssen wir denselben Weg wieder zurück bis Fethiyie, und die Jungs wollen unbedingt nochmals über der Schmetterlingsbucht halten, um Papierflieger starten zu lassen. Diesmal brach Tinus Flieger alle Rekorde (gut, fairerweise muss man sagen, dass wir nicht wissen, wie lange der Flieger von Jon flog) und fliegt über 6 Minuten lang hin und her über die Bucht, bis er sanft im Meer landete. Kurz darauf strapazierte Ben Tinus Nerven arg. Zuvor hatten sie alle versprechen müssen, dass sie keine Papierflieger wieder raufholten, wenn es uns zu gefährlich schien. Ja klar, selbstverständlich! Doch als wir dann bei Bens Flieger das Veto einlegten, und er nicht einsah, warum er den nun nicht holen sollte, wurde die Stimmung sehr angespannt. Weil ein Papierflieger kein Risiko wert war, darum.



Nach dem Einkaufen fahren wir Richtung Saklikent Canyon. Es war nun schon Nachmittag, alle waren hungrig und wir hielten Ausschau nach einem günstigen Mittagessen, wie es sie doch überall geben solle. Als am Strassenrand zwischen Traktoren und Hühnern eine Art buntes, orientalisches Gelage aus Paletten und Teppichen aufgebaut war, hielten wir an. Jaja, wir könnten hier was essen. Die Stimmung gefiel uns sehr, alles war einfach, bunt und fröhlich, ein Huhn zog mit ihren Kücken umher, das Essen wurde am Strassenrand auf einem alten Ofen gebacken. Preise waren keine angeschrieben, aber hier auf dem Land würde das sicher nicht teuer sein. Wir assen also halb liegend auf diesen Kissen und Teppichen Essen ganz nach Tinus Geschmack, viel Fleisch und Fett, und etwas wenig Gemüse für meinen Geschmack, aber das Erlebnis fanden wir alle toll. Bis dann die Rechnung kam, die mit über 50.- doch recht hoch ausfiel für die aktuellen Verhältnisse. Das verdarb mir dann für eine Weile die Freude, und dass der Canyon auch viiiel touristischer war als angenommen machte es auch gerade nicht besser. Der Parkplatz war voller Stände mit allerlei Kitsch und Tand. Aber die kleine Wanderung in den Canyon hinein war dann doch amüsant, wie da allerlei Türken schlammverschmiert zurückkamen, manche komplett mit Kopftuch und langem Kleid, aber nass bis zu den Hüften und mit Schlamm im Gesicht. Zuerst gings durch einen Glasklaren, eiskalten Fluss und dann in den Canyon hinein durch einen grauen Strom, in dem man nie sah, wo man hintrat, und wo sich links und rechts der unterschiedlichste Lehm ablagerte. Ben und Jon waren bald komplett voll, stapften quer hindurch, setzen sich hinein, malten an die Wand, posierten. Wir amüsierten uns bestens und verzichteten wohl weislich auf den 50 Franken teuren Führer, der meinte, wir sähen so aus, als könnten wir ein Abenteuer bestehen und die ersten 2Km weit schaffen. Genau, auch ohne Hilfe und gelben Plastikhelm, aber Dankeschön. Im Anschluss hatten wir uns eigentlich eine Übernachtung im Baumhaus gönnen wollen, auch wenn mir das nach dem teuren Mittagessen etwas schwer fiel, aber als wir die traurige Anlage sahen, waren wir uns einig, dass wir hier nicht bleiben wollten. Da wir alle müde waren, wollten wir nicht mehr weit fahren und suchten auf Park4night den nächsten Platz. Der war tatsächlich nicht weit und war dann unerwartet schön, ein bischen Rhone ähnlich, ein mäandrierender Fluss im steinigen Flussbett, dahinter die Berge. Und in der Nacht fing Jons Wildkamera endlich! Das erste Tier ein. Irgendwas mit einem langen, dünnen Schwanz. Wir hoffen, dass wir es dann daheim auf dem Bildschirm identifizieren können.

Tamara



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